Je suis Charlie, quoique je ne suis pas Charlie

Ich kann mich noch sehr genau an den 11. September 2001 erinnern. Zur damaligen Zeit war ich noch in der fünften Klasse eines Internates und wurde spät Abends noch mit den anderen in den Aufenthaltsraum gerufen. Die Betreuer sagten Dinge wie “Es ist etwas schlimmes passiert”. Es wurden Videoaufnahmen vom Anschlag auf das WTC gezeigt. Obwohl ich mit meinen jungen Jahren nicht verstand, warum die ganze Aufregung, wusste ich doch, dass es wohl meine Pflicht sei, mich betroffen zu fühlen.

Ein Symbol für “den Westen”

Diese symbolische Wirkung; etwas, das in das kulturelle Gedächtnis einer ganzen Gesellschaft eingeht; hatte auch der Anschlag auf das französische Satiremagazin Charlie Hebdo am 7. Januar 2014. Der “One Seven” des Abendlandes, sozusagen. Spätestens mit diesem Anschlag muss spätestens klar werden, dass auch nicht die Anzahl der Todesopfer das wirklich Entscheidende ist, sondern dessen symbolische Wirkung. Das WTC stand für alles Amerikanische, viel Kapitalistisches und für die westliche Gesellschaft schlechthin. Die Zerstörung dessen bedeutete übertragen auch einen Riss im westlichen Selbstverständnis.

Ebenso mit Charlie Hebdo. Ob hier nun 12 Menschen oder 200 Menschen umgekommen sind – das steht zurück hinter der symbolischen Wirkung dessen: “Die Pressefreiheit ist in Gefahr!” “Dieser Angriff galt der gesamten westlichen Gesellschaft, der Demokratie!” “Ein Angriff auf die Presse ist ein Stich ins Herz der Demokratie!”

Ich bin Charlie, obwohl ich nicht Charlie bin

Doch sind wir deswegen auch Charlie? Sowohl ja als auch nein. Wir sind Charlie Hebdo, als dass uns dieser Anschlag trifft, wann immer wir etwas sagen oder tun, was gegen die gesellschaftlichen Konventionen, die herrschende Norm, verstößt. Es hat etwas mutiges, “Nein!” zu sagen, wenn alle umgebenden Personen “Ja!” rufen. Das spürt man spätestens an den misstrauischen Blicken.

Doch genauso wie wir alle in einigen Momenten Charlie sind, so sind wir es im täglichen Leben niemals. Cas Mudde hat in einem Beitrag auf openDemocracy (ich zitiere aus der dt. Übersetzung) genau das ausgesprochen: Wir sind nicht Charlie Hebdo, wenn wir aus Rücksicht auf jemand anderen unsere Meinung nicht aussprechen; wir verstoßen gegen die Meinungsfreiheit, üben Selbstzensur. Wir sind nicht Charlie Hebdo, wenn wir unsere Meinungen abmildern. “Es ist ja nicht so schlimm!” Doch, ist es.

Selbstzensur ist eine Notwendigkeit gesellschaftlichen Zusammenlebens

“Aber selbst unter professionellen Kritikern wie Comedians oder Intellektuellen wird Selbstzensur mehr und mehr zur Norm”, schreibt Cas Mudde in dem Beitrag. Hier muss ich ihm widersprechen. Selbstzensur wird nicht zur Norm, es ist ein grundlegender Teil des Zusammenlebens. Es ist ein Dilemma: Auf der einen Seite erfordern Presse- und Meinungsfreiheit und die Demokratie, dass wir aussprechen, was wir denken. Aber auf der anderen Seite: Würden wir unseren besten Freunden sagen, dass wir ihre*n Partner*in nicht ausstehen können und deshalb keine Lust mehr haben, uns mit ihm zu treffen? Wohl nur, wenn es keinerlei andere Möglichkeiten gibt.

Unsere Meinung sagen wir vielfach Menschen, die nicht in unserem sozialen Netzwerk sind, geringere Machtpositionen haben oder die wir danach wahrscheinlich nie wieder sehen werden. Nur in Notsituationen aber, wenn der Zusammenhalt des eigenen Netzwerkes gefährdet ist, würden wir diese Meinung unverblümt auch guten und besten Freunden sagen. Denn ansonsten wären wir die nächsten, die aus dem Netzwerk ausgeschlossen werden würden.

Aus soziologischer Perspektive gilt also: Ohne Selbstzensur gäbe es weder Gruppenzusammenhalt noch ein gesellschaftliches Zusammenleben. Es kommt, wie bei allem, immer auf die richtige Menge an.

Je suis Charlie, quoique je ne suis pas Charlie!

Interne Konflikte zwischen Pegidaisten nach Postillion-Nachricht

Heute Morgen hat der Postillion eine Meldung rausgehauen, der ich zunächst nicht allzu große Beachtung schenkte. Darin hieß es, die heutige 11. Pegida-Demonstration in Dresden sei abgesagt worden. Wohl wissend, dass die Postillion-Nachrichten gerne mal nicht ganz so wahr sind, habe ich mir einen müden Lächler abgerungen und die Seite wieder geschlossen.

Zwei Stunden später saß ich an einem eigenen Artikel, in welchem ich eigentlich die aktuelle Handlungsunfähigkeit linker Gruppen in Deutschland thematisieren wollte, da diese momentan hauptsächlich mit Gegendemonstrieren in allen möglichen deutschen Großstädten beschäftigt sind. Jedoch stieß ich erneut auf den Postillion-Artikel und las mir auch die mittlerweile drei Updates durch, die seither unter den Artikel geschrieben worden sind.

PEGIDA-Demo am 05.01.2015 abgesagt

Doch zur Hintergrundgeschichte: Der Postillion-Artikel meldet, dass die heutige Pegida-Demonstration abgesagt worden sei. Wie Stefan Sichermann mit einem Link auf eine Archiv-Seite belegen kann, hat jedoch in der Tat der Pegida-Mitinitiator Lars Kressmann heute morgen gegen 10 Uhr einen Status veröffentlicht, in dem er sich von vielen Pegida-Mitorganisatoren distanziert und schreibt, er hätte die Demonstration tatsächlich abgesagt. Also nach dem Pofalla-Wechsel der nächste, wahrheitsgemäße Artikel von Sichermann.

Das alles wäre natürlich nur halb so witzig, wenn nicht passiert wäre, was passiert ist: Pegida-Anhänger sind auf den Postillion-Artikel gestoßen und haben diesen sogleich verbreitet, ohne sich das Artikelfoto genauer anzusehen, auf welchem der erste Kommentar von einer gewissen “Ilona dePostilia” stammt. Feed the trolls.

Daraufhin entbrannte unter dem – ebenfalls echten – Dementi der offiziellen Pegida-Seite eine heftige Diskussion zwischen Pegida-Anhängern, gespickt mit “Seid ihr vielleicht Idioten :D”-Kommentaren von Pegida-Gegnern. Offenbar, und das ist noch witziger, wurde im Verlaufe dieser Auseinandersetzung sogar das offizielle Facebook-Profil von Lars Kressmann gelöscht – will man seinen Post direkt über Facebook anzeigen lassen, erhält man eine Fehlermeldung.

Weiterhin entstand eine “Solidarität mit Lars Kressmann!”-Seite auf Facebook, die wiederum auf den Postillion-Artikel verlinkt und auch kürzlich noch den Postillion als eine “Nachrichtenseite” bewirbt, auf welcher man den Verlauf der Geschehnisse verfolgen könne.

Das angerichtete Chaos ist ein Fest für jeden Pegida-Gegner; zu sehen, wie durch eine einfache Pressemeldung einer Satireseite urplötzlich mehrere tausend Menschen wie kopflose Hühner durch Facebook geistern auf der Suche nach einem Licht. Na hoffentlich kriegen das die Kollegen von HoGeSa nicht mit und greifen die ab, sonst haben wir demnächst Köln mal zehn.

Weitere Meldungen des Tages

  • PEGIDA-Anhänger teilen sich auf in eine “Ur-PEGIDA” und eine “Mehrheits-PEGIDA”. Fortan will man also gleich zweimal am selben Abend in Dresden demonstrieren. Gerüchte besagen, dass die SPD Sachsen derzeit streitet, gegen welche der beiden Demonstrationen man demonstrieren wolle; die Führung ist in zwei Lager geteilt.
  • Alternative für Deutschland (AfD) ernennt Lars Kressmann für sein Engagement zum Ehrenmitglied

Update 07.01.2015: Da bin ich wohl offenbar doch dem Postillion in die Fänge geraten: Nach einem Artikel des Magazins Meedia war selbst die Lars Kressmann-Seite eine Fälschung. Chapeau, Herr Sichermann, Chapeau! Dennoch: Das Ziel, die Pegidaisten zu verwirren, hat er eindeutig erreicht!

Gedanken zum Messengerwahnsinn

Als bekannt wurde, dass facebook den Nachrichtendienst* WhatsApp für ca. 12 – 19 Mrd. US-Dollar aufgekauft hat, dachte ich, das wäre der Wahnsinn. 19 Milliarden für ein kleines, billiges Unternehmen, dessen einzige Stärke die enorme Anzahl an Usern war, die es nutzen. Doch ich habe mich schwer getäuscht. Nein, nicht schwer. Eher katastrophal.

Denn katastrophal sind die Auswirkungen, die das derzeit hat. Wie wir alle wissen, kommen wir ohne Messenger mittlerweile wohl nicht mehr aus. Das ist die einzige Möglichkeit, insbesondere im mobilvertraglich sehr teuren Deutschland, günstig mit Menschen zu kommunizieren. Also sind wir auf Messenger angewiesen. Soweit d’accord.

Dann beginnt der Spaß allerdings: Nach der Bekanntgabe fürchteten sich diese 450 mio User plötzlich um ihre Daten und sagten, sie würden WhatsApp verlassen. Soweit bin ich ebenfalls d’accord. Ich bin ein Freund von Unternehmen, die mir sagen: “Zahle uns x Euro, damit wir unseren Lebensunterhalt bestreiten können. Dafür stellen wir dir eine App zur Verfügung, die es dir ermöglicht, völlig verschlüsselt mit anderen Menschen zu schreiben. Da wir das Geld ja von dir bereits bekommen haben, brauchen wir auch deine Daten nicht zum Leben, also kannst du die behalten. Auf unseren Servern wird davon nichts gespeichert.” Threema tut das zum Beispiel. Ob nicht auch die auf Daten aus sind – wer weiß? Möglich ist alles, doch ab einem gewissen Grad des Misstrauens artet so etwas leider meist in Verschwörungstheorien aus.

Das Problem ist: Viele Menschen denken arg bis extrem kurzfristig bis absolut irrational. So denken sich zwar alle: “Wir müssen weg von WhatsApp”. Dann steigen sie beispielsweise auf Telegram um, eine Firma, die kostenlos ihre App zur Verfügung stellt, aber keine andere offensichtliche Einnahmequelle haben. Na? Ein Schelm, wer dabei böses denkt.

Viel, viel weniger Menschen – sagen wir einmal großzügig – 40% der Umsteiger denken sich dann: “Hey, gehen wir eben zu Threema. Die verlangen Geld, damit sie ihre Kosten decken können, haben aber eine starke Verschlüsselung. Denen kann man vertrauen.” Das ist völlig in Ordnung.

Und jetzt kommt ein ganz spezielles Problem für mich: Weil ich viele verschiedene Menschen meine Freunde nennen kann, ergibt sich gerade ein ziemlich fieses Problem. Ein Großteil meines Freundeskreises bspw. bleibt bei WhatsApp. Deswegen kann ich das Ding nicht deinstallieren. Ein anderer Teil meines Freundeskreises ist auf Telegram umgestiegen. Deswegen brauche ich auch das. Und erst vorhin hat mich noch ein weiterer Freund von mir gebeten, mir doch bitte myENIGMA zu installieren. Quasi das gleiche wie Telegram, nur dass deren Beschreibung im Play-Store auf Deutsch ist.

Ergebnis: Theoretisch bräuchte ich vier Messenger, um mit all meinen (ehemaligen) WhatsApp-Kontakten zu schreiben. Vier Messenger. VIER. WhatsApp ist klar auf Daten aus, Threema nur vielleicht, Telegram und myENIGMA wegen kostenlos und so aber definitiv auch. Und mir wollen alle meine Freunde klar machen, dass “ihr” Messenger der beste ist. Und sie ja nicht noch einen installieren können. Und dass sie schon zu viele Freunde auf “ihren” Messenger scharf gemacht hätten, weswegen das jetzt unmöglich noch zu ändern wäre.

Ich mag meine Freunde. Auch trotz dieser Meinungsverschiedenheit. Aber in dieser einen Beziehung kann ich nur noch eine Sache (laut) ausrufen: Habt ihr eigentlich alle den Verstand verloren?

Natürlich will jeder unsere Daten, weil Daten so schön toll sind – sie sind quasi das LEGO für Firmenmanager und Werbetreibende. Aber gewisse Dinge scheinen viele Leute in ihrer blinden Paranoia vor dem Datenkraken Facebook auszublenden.

  1. Eure Daten sind niemals sicher. Wenn euch Messengerapps sagen: “Unsere Verschlüsselung ist bisher nicht geknackt worden”, dann ist das bullshit. AES gilt heute noch als wichtige Verschlüsselung, bspw. von WLAN-Netzen. Nur leider wurde der 256Bit-Code vor ein paar Jahren schon von Mathematikern entschärft. Ergo: Jeder mit einem bisschen mathematischen und informatorischen Grundverständnis kann jedes eurer WLAN-Netze binnen Minuten, maximal – wenn ihr Glück habt – ein paar Stunden, knacken. Dank Botnets und Cloudcomputing braucht man auch keinen Supercomputer mehr im Wohnzimmer dafür. Fazit: Wer eure Daten will, bekommt sie. Schnell. Und zuverlässig.
  2. Eure Daten interessieren niemanden. Wie? Ja. Eure Daten interessieren jedes Unternehmen einen Scheißdreck. Ihnen ist es egal, wo ihr wohnt oder wie alt ihr seid. Außerdem ist es unökonomisch, jeden Datensatz einzeln zu speichern. Ein Rechenbeispiel: Für euer Geburtsdatum, vollständigen Namen und eure Adresse werden überschlagen 1,2 kb gebraucht. Bei 450 mio Usern (wie bei WhatsApp) sind das schon mal über ein halbes Terabyte (554,4 GB). Und das sind nur sehr wenige Angaben. Heutige Firmen sammeln viel mehr Daten. Nein, eure politische Ausrichtung ist denen echt egal. Was ihnen nicht egal ist, ist eure Gruppe. Unternehmen interessiert nur euer ungefähres Alter, euer ungefährer Wohnort und eure ungefähren Einstellungen. In den derzeit üblichen Algorithmen werden eure Daten nur einmalig erhoben, um euch in eine Gruppe (z.B. der 18-24-jährigen, progressiv eingestellten Studierenden aus dem Raum Köln/Bonn) einzuteilen. Danach werden die, weil wertlos, gelöscht. Man weiß also gar nichts genaues über euch, sondern nur grobe Angaben, die für Werbung benutzt werden. Und Unternehmen werden eure Daten nicht für politische Zwecke brauchen. Sondern nur für wirtschaftliche. Denen ist es egal, ob ihr CDU oder Linke wählt, solange ihr nur die Produkte von ihnen konsumiert. Das führt uns zu Punkt:
  3. Der wirkliche Gegner sind nicht Unternehmen, die eure Daten haben wollen, um damit Geld zu machen, sondern frei agierende Regierungsunternehmen. Leute, die euer psychologisches Profil nicht brauchen, um euch zum Konsum zu zwingen, sondern die euer psychologisches Profil brauchen, um eventuelle Staatsfeinde auszumachen. Auch wenn wir in Demokratien leben, sind alle Gedanken an andere Systeme (nur als Beispiel: Rein-neoliberal oder sozialistisch) destabilisierend, und weil menschliche Gesellschaften immer auf einen Status möglichst großer Autarkie und Sicherheiten aus sind, werden solche Gedanken als gefährlich gesehen. Und wisst ihr, was das tollste ist? Denen ist es völlig wurst, ob ihr Threema, Telegram oder WhatsApp nutzt. Wie die Enthüllungen der NSA zeigen, besitzen diese große Splitter in allen Internet-Knotenpunkten auf der Welt und können alle Daten völlig legal, völlig einfach, direkt auf ihre Server umleiten. Und Verschlüsselung? Wenn schon ein x-beliebiger Hacker mittels Cloudcomputing und Botnets relativ easy in euer WLAN kommt, stellt euch ein von der Regierung gesponserter Verein vor, der im Jahr ein paar Milliarden übrig hat. Wofür er das ausgibt? Vielleicht ja für noch einen weiteren Supercomputer. Falls mal wieder eine neue Verschlüsselung ausprobiert wird.

Mein Fazit von der ganzen Geschichte? Vielleicht bin ich nett und installiere mir alle Messenger, die meine Freunde so nutzen wollen. Bin nett zu ihnen. Vielleicht geige ich ihnen auch die Meinung und kommuniziere ab dann nur noch per Mail. Oh stimmt, einer meiner Freunde meinte ja: “Ich werde meine politische Einstellung nicht auf WhatsApp/Facebook kundtun. Dann kommunizieren wir demnächst nur noch per Mail.” Ob er auch Mail-Verschlüsselung hat? Ein Schelm, wer dabei… lassen wir das. Mein Fazit: Die WhatsApp-Übernahme hat für genau eine Sache gesorgt: Die Menschen wie Lemminge über alle Klippen von Inklusion, Würde, Rationalität und so ziemlich jeder Errungenschaft der Aufklärung springen lassen. Die wahre Gefahr geht derzeit nicht von mangelndem Datenschutz aus. Nein, sondern von der Gesellschaft selber, die sich auch an so nichtigen Problemen wie einer Messengerfrage teilt und somit alle Bestrebungen zu einer freien Gemeinschaft von Menschen zerstört und Feindschaft sät, wo es nur geht.

Und das ist Wahnsinn.

* no pun intended.

Sunset in Fall

Julia Engelmann und die Generation Unselbstständigkeit

Internetphänomene sind in erster Linie einmal genau das: Phänomene. Phänomene, die sich Tausende von uns tagtäglich auf 9gag und dem allabendlichen Abschiedspost von SPIEGEL ONLINE auf Facebook geben. Soweit, sogut – prinzipiell sind die meisten Internetphänomene, die nichts mit Petitionen auf den offiziellen EU- und Bundesregierungsportalen oder Crowdfunding-Projekten zu tun haben ja eh nur geistige Prokrastination; quasi das Herunterkommen vom alltäglichen Uni-, Schul- oder Arbeitsstress. Und dass ich genau jetzt und nicht zu einem anderen Zeitpunkt diesen Punkt anspreche, ist genauso willkürlich. Dennoch finde ich es hier einmal interessant, nachzuhaken. Denn Julia Engelmann ist nicht nur das nächste, langweilige Internet“phänomen“, sondern auch eine Bankrotterklärung an unsere Gesellschaft.

Bankrotterklärung? Gut, das ist ein wenig hoch gegriffen, ziemlich populistische Sprache, aber in keiner Weise ist das, was Julia Engelmann dort auf dem 5. Bielefelder Hörsaalslam zum Besten gegeben hat, positiv. Wenn über 2,5 Millionen Klicks für ein Video verbraucht werden, das uns lediglich sagt: „Carpe Diem“ – was sagt das über unsere Gesellschaft aus? Was sagt es über die „Generation Praktikum“ aus, dass sie sich an einem Text aufgeilen, der eine wahre Redundanz an Sinnhaftigkeit zum Ausdruck bringt? Es sagt zunächst einmal aus, wie paradox die Menschen dieser Generation doch sind. Dass sie sich ein fünfminütiges Video anschauen, um sich danach auf Facebook im vollen Endorphinschub darüber zu freuen, dass es doch noch Wahrheit im Leben gebe.

Bin ich vielleicht komisch, wenn ich nur so dachte: „So what“? Auch ich habe mich diese fünf Minuten herabgelassen, mir das Video einmal anzusehen, nachdem ich einen kritischen Kommentar von Laura Nunziante las, der sich aber weniger auf die gesellschaftlichen Hintergründe, als mehr auf die lyrischen Folgen konzentrierte. Und ich stellte fest, wie faszinierend redundant das Video doch ist. Dass junge Menschen heutzutage fünf Minuten plus das Teilen auf Facebook an Zeit aufwenden, um sich darüber zu beschweren, dass sie in ihrer Jugend zu wenig lebten. Habt ihr sie noch alle?

Die 5 Minuten, die ihr gebraucht habt, um dieses Video zu sehen, plus die 2 Minuten für den „Share“-Button und einen kleinen Text, in dem ihr die Wahrheit dieser Worte lobt, hättet ihr auch einfach einen Plan fürs Wochenende ausarbeiten können. Raus zu gehen. Vielleicht spontan ins Grüne zu fahren, oder aber irgendein Kunstprojekt. Vielleicht auch einfach nur eine besonders krasse Party, ein Konzert, irgendetwas mit Freunden, ein neues Hobby suchen. Ein Buch lesen, etc. Dafür brauchte ich die letzten 23 Jahre kein Video und werde es auch niemals brauchen.

Es ist ziemlich leicht, sieben Minuten zu „carpen“, um dann einen ganzen Tag oder – im Idealfall sogar regelmäßig – mal nach dem Motto „Carpe Diem“ zu leben. Es ist vielleicht doch nicht zu hoch gegriffen, von einer Bankrotterklärung zu sprechen, wenn ein solches Video derart gefeiert wird.

Nein, es ist eine Bankrotterklärung an meine Generation. Klar, es ist viel Arbeit, Projekte durchzuziehen, Storys vorzubereiten, die man später den Kindern erzählen kann. Aber sorry, das Leben ist hart und schmutzig.

Und nur als Beispiel: Man kann, wie ich, 16 Stunden am Tag Prokrastinieren und trotzdem viel erreichen. Zum Beispiel ein eigenes, einstündiges Musikalbum aufnehmen. Songs schreiben und etliche Fotosessions an den verrücktesten Orten machen. Auch in Praktika Spaß zu haben und das Leben zu genießen. Drei Bands gleichzeitig zu haben. Also Kinners: Arsch hoch und raus in die Welt. Und hyped nicht wieder so einen Nonsens. Das schaffe ja selbst ich faule Socke.

Die Sache mit der Mehrwerttheorie

Als aufgeklärter Europäer, Anhänger des alten, soziologischen Freigeistes und gesegnet mit Freundschaften, die es geschickt verstehen, mich argumentativ gegen die Wand zu fahren, ist mir heute etwas begegnet, dass man getrost als anti-sozialistisch bezeichnen kann. Bevor man mir hier aber ideologische Verblendung vorwirft, bitte ich um Beachtung der unten stehende Ausführung eines Professors, der sich allzu weit aus dem Fenster lehnte, und versuchte, Karl Marx auf eine Art und Weise zu widerlegen, die getrost als witzig bezeichnet werden kann. Es lohnt sich. Continue reading

Mein persönliches Großprojekt: Das DIY-Musikalbum

Kennt ihr diesen Moment, wenn ihr einen Film im Kino seht, der eines dieser klassischen Happy Endings hat? Wenn die Protagonisten dem Sonnenuntergang entgegen fahren, begleitet von epischer Schlussmusik? Jetzt nehmt dieses Gefühl und multipliziert es mit einer Zahl >10, dann wisst ihr in etwa, wie ich mich gerade fühle.

Was ist passiert? Nunja, seit ich ein kleines Kind bin, mache ich Musik. Zuerst von der Familie gezwungen, habe ich mir mit 16 Jahren selbst Gitarre beigebracht und irgendwann auch Spaß am Komponieren gefunden. Das hat zum einen zu einer recht vollständig mit Noten zugemüllten Festplatte geführt – und zum anderen nach knapp einem Jahr Arbeit auch endlich zu einem ersten, eigens komponierten und eingespielten Album.

Und irgendwo passt der Name des Albums, “The Dream of Breaking Free” mit dem Hauptsong “Death Of A Dream” sehr sehr gut nicht nur zu Erlebnissen, die ich in den letzten Jahren hatte, sondern auch ein wenig zu dieser “Entzauberung der Welt”, von der Max Weber gerne gesprochen hat. Ich meine: Man ist ja immer gewillt, diese träumerischen Ideen von einem Leben als Rockstar zu haben. Man denkt: “Hey, das Größte, was ich im Leben tun will, ist, ein Album aufzunehmen!” und muss dann feststellen, dass das tatsächlich harte Arbeit ist und die meisten Musiker – auch wenn die Musik selbst nicht so gut sein sollte – ihr Geld verdienen.

Alles fing an, dass mir irgendwann aufgefallen ist, wie viele fertige Songs ich auf dem Rechner hatte. Zudem spielte ich schon seit langer Zeit mit dem Gedanken, ein eigenes Album aufzunehmen. Dann hat sich meine alte Band aufgelöst, ich hatte viele Ressourcen frei und konnte mich einmal daran wagen. Und irgendwie hat der Plan, ein Album tatsächlich aufzunehmen, meine Kreativität arg befördert: Fünf der Songs auf dem Album sind erst nach diesem Plan entstanden.

Die meiste Zeit wurde in Anspruch genommen vom eigentlichen Songwriting, weil ich auch die restlichen Songs erst noch fertig schreiben musste. Ab dem 1. August konnte ich dann endlich mit den Aufnahmen beginnen – und das war vielleicht nicht das Zeitintensivste, aber das Nervenaufreibendste an der ganzen Produktion. Denn hier wurden die Songs erst fertig. Hier noch eine Gitarrenspur mehr rein, dort noch eine Zweitstimme rein. Ganz allgemein wurde mir mein Hang zur Zweitstimme zum Verhängnis: Vor den Aufnahmen gab es in einem Song eine Zweitstimme, danach in fünf.

Und dann war da noch das Motivationsproblem. Wenn man gerade das erste mal die Idee eines eigenen Albums bekommt, sieht man die Motivationsspanne immer höher steigen. Wenn man den Kram dann tatsächlich aufnimmt, sieht die Kurve eher anders herum aus. Beim Songwriting hatte ich noch große Motivation: Neue Ideen sich entwickeln zu sehen war unglaublich elektrisierend. Aber dann kamen wie gesagt die Aufnahmen, und im letzten Monat war ich in etwa so motiviert, das Album zum Ende zu bringen, wie Ronald Pofalla, Dinge zu diskutieren.

Und hier kommt die nächste Erkenntnis: Dass in den Albencredits ständig steht, dass die Band ihrer Familie und ihren Freunden dankt, hat nichts mit Schleimertum zu tun, sondern vielmehr damit, dass Leute, die von so einer Produktion nicht betroffen sind, ständig fragen: “Wann kann man das Album endlich hören?” oder “Seid ihr endlich fertig?”. Und irgendwann fangen diese Fragen so an, zu nerven, dass man das Album einfach fertig produziert. Und am Ende ist man dann dankbar.

Bevor ich euch diesen wundervollen, musikalischen DIY-Erguss präsentiere, hier noch eine Liste weiterer Dinge, die im Laufe der Produktion ihr Leben verloren haben:

  • Die Hintergrundstory
  • Die Songreihenfolge
  • Das ursprüngliche Cover
  • Andere Menschen mit in die Produktion einzubinden
  • Eine Coverversion von Bear McCrearys “Gaeta’s Lament”
  • Manche Lyrics
  • Meine Ehre als Mann (Die Zweitstimmen sind alle von mir eingesungen. Kein Witz.)
  • Die Nerven meiner Nachbarn
  • Viele Kabel
  • 2 Pakete Strings

And here it goes! Wenn ihr mir helfen wollt, die zahllosen Anklagen wegen Lärmbelästigung (die nicht nur der Lautstärke geschuldet sind…) zu bezahlen, fühlt euch frei, ein paar (hundert) Centstücke für das Album zu spenden! ;)

 

Weekly update #1

Blogs sind irgendwo Tagebücher und da ich generell wenig kreative Ideen habe, irgendwelche “weltbewegenden” Theorien kundzutun, mal abgesehen von persönlichen, emotionalen Aussetzern, denke ich, führe ich mal eine Art Weekly Update ein, wo ich mich – ganz dem Geiste der Zeit verpflichtet – über meine persönlichen Enhancements gütlich tun kann. Das ist auch der Tatsache geschuldet, dass ich seit gestern (welch ein Streak!) mithilfe der App HabitRPG versuche, mir mal so lästige Angewohnheiten wie ständiges Facebook-Gebrabbel und dergleichen abzugewöhnen. Und mich selbst zu motivieren, ein bisschen mehr zu lesen. Nicht umsonst habe ich ja dieses Semester pro Woche knapp 100 Seiten fachwissenschaftlicher Literatur vor mir liegen, die ins Hirn wollen. Und hey – wie ginge das besser, als eben mit einer App, die einen mit Lebenspunkt-Verlust bestraft, hat man seine selbst auferlegten Obligationen einmal nicht erfüllt. Your life is a Role Playing Game – so gamify your life! oder so ähnlich. In diesem Sinne, auf gehts! Continue reading

Wisst ihr noch, wie Vögel singen?

Man sagt, Medien suchten die Schlagzeile, die die Menschen bewegt, emotional aufrührt. Medien seien auf maximale Reichweite aus – Ereignisse werden dramatisiert, um eine möglichst große Leser-/Hörer-/Zuschauerschar zu erreichen. Der Tod einer berühmten Person oder ein Anschlag erhält quasi immer den Vorrang vor einem positiven Ereignis, immer den Vorrang vor dem Guten. Doch weil die Medien sich nach den Menschen richten – sie berichten, was die Menschen zu wissen scheinen wollen – stellt sich mir gerade die Frage, ob nicht wir es sind, die den Tod wünschen. Continue reading

On modern journalism

Eine fiktive Rede vor einer Versammlung aller deutschen Uni-Radios.

“Liebe Kommilitonen, Liebe Mitstreiter!

In Deutschland gibt es mehrere Dutzend Hochschulradios, und das seit 1950. Für Menschen, die die demokratischen Grundsätze der westlichen Welt hochhalten, eine Freude. Doch ist es das auch für die demokratischen Grundsätze selber? Würden die Freie Meinung und die Gewaltenteilung diese Ansicht teilen; der Überzeugung sein, dass die Radios wirklich eine Wohltat für unsere Demokratie seien? Continue reading

Rasender Stillstand: Bologna vs. soziale Netzwerke

Viele, sehr viele Dinge haben die berühmte “zweite Seite”. So auch das Studium. Und zwar in einer Art und Weise, die ich erst kürzlich völlig realisierte. Denn spätestens, wenn man feststellt, dass diese zweite Seite so ein wenig an die Wahl von Anakin Skywalker in Star Wars III zwischen heller und dunkler Seite der Macht erinnert, die man sehr bald bereuen kann, merkt man plötzlich, dass viele Möglichkeiten der modernen Welt nicht nutzbar sind, wenn man halbwegs bei Verstand ist. Continue reading