On modern journalism

Eine fiktive Rede vor einer Versammlung aller deutschen Uni-Radios.

“Liebe Kommilitonen, Liebe Mitstreiter!

In Deutschland gibt es mehrere Dutzend Hochschulradios, und das seit 1950. Für Menschen, die die demokratischen Grundsätze der westlichen Welt hochhalten, eine Freude. Doch ist es das auch für die demokratischen Grundsätze selber? Würden die Freie Meinung und die Gewaltenteilung diese Ansicht teilen; der Überzeugung sein, dass die Radios wirklich eine Wohltat für unsere Demokratie seien?

Genau das, befürchte ich, sind sie nämlich nicht. Während ich bei den “alten” Medien wie Spiegel, Zeit und Süddeutsche schon seit langer Zeit die Hoffnung aufgegeben habe, hier revolutionäre Erkenntnisse, unglaubliche Rechercheergebnisse oder Visionen zu lesen, dachte ich, dass ich wenigstens in den Uniradios noch den “Spirit” der 68er sehen könnte, der Generation, die wohl prozentual am meisten politisch engagiert war. Dass die Uniradios, gerade weil sie nur vom jeweiligen AStA, also eigentlich nur von ihren Kommilitonen, abhängig sind, habe ich als Chance gesehen, Klartext zu reden.

Doch Klartext ist mittlerweile nur noch eine leere Worthülse, wahlweise für die Kantenglättung von Schrift auf dem PC oder irgendwelche Medienevents. Und mit Events bin ich gleich beim Kern des Problems: Heutzutage veranstalten die Medien nur noch Events. Wahlen sind ein Event genauso wie die Wahl von Germany’s Next Topmodel. Wahlpartys gibt es bei den Parteien ebenso wie bei den Medien. Man feiert die Wahl, obwohl es eigentlich gar nichts zu feiern gibt. Für die Parteien – klar. Aber für die Medien? Für gerade die angebliche vierte Macht, die doch stets vorgibt, “überparteilich” zu sein? Anstatt kluger Analysen schreiben die Zeitungen heutzutage nur noch Offensichtliches. “Es gibt eine große Koalition!” anstatt einer klugen Analyse, wie es dazu überhaupt kommen konnte, und was der einfache Mensch dagegen tun könnte. Der Journalist wird zu einem reinen Katalysator für Informationen.

Der klassische Alltag eines Lokalreporters besteht darin, Informationen aufzunehmen und auf Knopfdruck – d.h. vor seinem heimischen PC – wieder auszukotzen. Die Recherche erfolgt praktisch nur über das Internet, wenn man sich die Mühe überhaupt noch macht. Heute zählt Output, nicht Cleverness. Heute zählt es offenbar, am Tag 40 neue Nachrichten in die bundesrepublikanischen Feedreader zu pressen, teilweise 4 Artikel mit fast dem gleichen Wortlaut. Ist denn das noch Journalismus?

Doch ich schweife ab, wir brauchen gar nicht zu den großen Zeitungen zu gehen, um uns über die Zustände zu empören: In unserem Campusradio gilt: Lokal, studentisch, interessant. Für das Lokale habe ich absolutes Verständnis, schließlich sind wir ein Bonner Sender und als solcher auch in der Pflicht, über Bonn zu berichten. Aber sind wir deswegen gleich verpflichtet, über Nonsens zu berichten? Ich kann mich noch allzu gut erinnern, wie eine Produktionsgruppe bei einem Bürgerfunk-Studio, mit dem unser Radio einst zusammengearbeitet hat, tatsächlich über einen Kaninchenzuchtverein berichtet hat. Ist denn das noch Journalismus?

Außerdem soll ein Uniradio natürlich auch studentisch sein. Was berichtet wird, muss die Studenten ansprechen und die Berichterstattung muss nicht über das Leben als Manager gehen. Das interessiert höchstens die BWLer, um im Klischee zu bleiben. Aber bedeutet “studentisch” denn auch, keinen einzigen politischen Artikel auf der eigenen Homepage zu veröffentlichen? Man muss mir nun vorwerfen, dass ich selber bisher auch nur drei oder vier politische Artikel veröffentlicht habe. Doch mehr gab es auf unserer Seite bisher nicht. Und weitere traue ich mich beinahe nicht zu schreiben – zu lachhaft die Vorstellung, sie neben einem Artikel über einen mittelschweren Comedian und ein erneutes, verlorenes Spiel der Telekom Baskets zu sehen.

Und zuletzt erwähnte ich, ein Campusradio müsse auch interessant sein. Das gilt natürlich nicht nur fürs Lokale und Studentische, sondern auch ganz allgemein. Doch ist nicht alles interessant, was mit guter Recherche in mühevoller Kleinstarbeit zusammengetragen wurde und dann als eine Artikelserie über einen ganzen Zeitraum veröffentlicht wird? Oder bedeutet Interessant etwa nur, einer Sache sämtliche Detailinformationen zu nehmen, um sie dann, derart gerupft an den öffentlichen Pranger zu stellen und sie mit zynischen Witzen zu bewerfen?

Ich weiß, dass man übers Radioprogramm selber nur wenige Informationen gut nach draußen transportieren kann, und dass Musik ein wichtiger Faktor ist. Doch wieso gibt es die einzige Politiksendung von bonnFM derzeit nicht mehr? Wieso haben wir die Weisung, auch als News niemals “weltbewegendes” zu berichten? Und zwar mit der Begründung, dafür seien die Nachrichten von WDR5 zuständig, die bei uns zu jeder vollen Stunde laufen. Doch ist es nicht auch journalistisch, andere Quellen kritisch zu hinterfragen, nachzubohren und nachher völlig andere Erkenntnisse ans Licht zu bringen?

Wieso ist es verboten, auf andere Angebote zu verweisen, quasi wie Fußnoten? Nur, weil man sich so noch in der Lüge wiegen kann, man hätte eigene Arbeit geleistet und nicht von anderen abgeschrieben? Wieso sollte der Journalismus plagiieren dürfen (denn de facto ist es nichts anderes), wenn ein Herr von und zu Guttenberg es nicht darf, obwohl dessen Dissertation vermutlich wesentlich weniger Leser hatte, als unser kleines Uniradio Hörer und demnach weniger Schaden anrichten konnte?

Wir sehen doch, wohin kurze, reißerische Texte mit fetten Titeln und großen Bildern in Farbe hinführen. Zu “Angst, Hass, Titten und dem Wetterbericht”, um einmal auch die Ärzte zu zitieren. Der Journalismus, ganz besonders an der Uni, darf nicht lieblos hingeklatschten Müll hinnehmen, der auf dem Kunstmarkt vielleicht einen Tausender wert wäre, aber vermutlich einfache Menschen, die nicht die Zeit und Muße haben, die Informationen nachzuprüfen, verunsichert.

Der Journalismus ändert sich nicht von jetzt auf gleich. Vorreiter und gute Journalisten werden sich harten Kämpfen und großem Spott hingeben müssen. Doch wenn jedes Medium sich weiterhin vor dieser – wie ich finde eindeutigen – Entscheidung drückt, wird der Journalismus für immer und ewig eine Bleiwüste bleiben, mit nur ganz wenigen Oasen, die aber auch auszutrocknen drohen. Ganz wie Westafrika allmählich von der Sahara verschluckt wird.

Die Uniradios sind der ideale Ort, um anzufangen, tatsächlichen Journalismus zu fördern. Nur hier kann man parteiisch sein, ohne vom Konservativen Chef zu “Neutralität” gebeten zu werden. Nur hier kann man lernen, dass niemand unparteiisch ist und der Journalismus seinen Reiz erst dadurch erreicht, dass verschiedene, konträre Weltansichten auf einer ähnlich breiten Quellenbasis zu unterschiedlichen Schlüssen kommen. Nur hier haben wir die Chance, diesen Trott zu durchbrechen und tatsächlich wieder zu einer vierten Macht im Bunde zu werden.”

Uniradios aller Länder, vereinigt euch, oder so. Dies ist ein #Wutbürger-Beitrag.