Wisst ihr noch, wie Vögel singen?

Man sagt, Medien suchten die Schlagzeile, die die Menschen bewegt, emotional aufrührt. Medien seien auf maximale Reichweite aus – Ereignisse werden dramatisiert, um eine möglichst große Leser-/Hörer-/Zuschauerschar zu erreichen. Der Tod einer berühmten Person oder ein Anschlag erhält quasi immer den Vorrang vor einem positiven Ereignis, immer den Vorrang vor dem Guten. Doch weil die Medien sich nach den Menschen richten – sie berichten, was die Menschen zu wissen scheinen wollen – stellt sich mir gerade die Frage, ob nicht wir es sind, die den Tod wünschen.

Ich habe gerade das erste Staffelfinale von The Walking Dead gesehen. Und das ist nur ein kleiner Teil dieser medialen Zerstörung. Die beliebtesten Computerspiele handeln von Weltkriegen (Call of Duty/Battlefield), Raub, Mord (GTA V) und Zerstörung, viele TV-Serien haben ähnlich dystopische Inhalte – man könnte Breaking Bad nennen, Dr. House, Game of Thrones und viele weitere Serien, die vielmehr die Zerstörung von Leben zu zelebrieren scheinen, als Hoffnung. Es ist das Zeitalter der Antihelden. Beim Fernsehen geht es weiter: In den allgegenwärtigen Scripted-Reality-Shows kann man hautnah und tagesaktuell die Selbstdemontage der Zivilgesellschaft beobachten. Sogar und besonders die alternative Musik kennt fast nur noch das Ende der Welt, das Ende der Gesellschaft, das Ende aller Hoffnung.

Eine Krise jagt die nächste; Finanzkrise, Fukushima, Government Shutdown. Es scheint beinahe schon dazu gekommen zu sein, dass die Grünen und die Sozialdemokraten die Utopie von einem besseren Leben – gleichsam der Kirche im Mittelalter – zu predigen scheinen. Sämtliche Anstrengungen zu einem besseren Leben werden mangels Interesse wieder verworfen – der Atomkraftaussteig steht auf der Kippe, jüngst hat Bundesumweltminister Altmaier ein Gesetz für verschärfte Emissionsgrenzen für eine einmalige Parteispende in Höhe von 690.000 Euro verhindert, vor der italienischen Küste scheinen mehr Menschen denn je zu versaufen, weil Europa sich lieber abschottet, als den Planeten – also auch die afrikanische Bevölkerung – vor teils hausgemachten Problemen zu retten.

Die Menschen scheinen sich allesamt zu denken: „Wozu denn noch die Welt retten? Sie ist doch eh schon verloren. Dann können wir auch gleich richtig untergehen, ohne uns vorher noch unnützen Beschränkungen zu unterwerfen, die ja eh nichts mehr ändern.“ Wo sind die Utopisten der Moderne hin? Wo sind die hin, die Hoffnung lehren, und sagen: „Ach kommt, Leute, es kann alles immer wieder besser werden!“ Stattdessen musste ich mir vergangene Woche im Kino Gravity ansehen; ein Film, in dessen Verlauf spontan alle Geräte, die wir Menschen seit 1969 in den Weltraum geschossen haben – Satteliten, Shuttles, die ISS – vernichtet wurden und als glühender Feuerball auf die Erde gefallen sind. Da wirkt es beinahe wie eine Prophezeihung, dass ausgerechnet das Hubble-Teleskop, ein Symbol der Menschen für die Herrschaft über den Weltraum, zu Beginn des Filmes vernichtet wird. Es scheint zu rufen: „Hört auf, nach dem Weltraum zu streben! Die Menschheit ist dem Untergang geweiht, also beichtet und lebt in Angst bis das Ende kommt!“

Wo ist der George Lucas des 21. Jahrhunderts? Wo ist der Visionär, der auf die Dystopie scheißt und eine Trilogie mit einem der schönsten Happy Endings aller Zeiten filmt? Wo ist die neue Episode I – Noch eine neue Hoffnung? Wie sollen wir andere Menschen, andere Spezies und den ganzen Planeten retten, wenn wir uns nicht einmal selbst retten wollen? Wieso sollten wir jeden Tag noch zur Arbeit gehen, wenn wir doch eh Lebensmüde sind?

Wann habt ihr euch denn das letzte Mal morgens ans Fenster gestellt, euch auf die morgendliche, frische Luft konzentriert, den Vögeln zugehört und gedacht: „Es ist ein schöner Tag“? Wann habt ihr euch das letzte Mal in einem Akt von Entspannung auf die geometrischen Muster in den Böden von öffentlichen Plätzen oder auf die Architektur, auf die Pflanzen, auf Details konzentriert? Das mag jetzt zwar alles sehr kindlich-naiv klingen, doch es fördert die gute Laune und zerstreut diese nimmersatten Zerstörungsgedanken. Versucht es einmal. Und bekämpft diese ewige Zerstörungssucht in dieser Gesellschaft.