Weekly update #1

Blogs sind irgendwo Tagebücher und da ich generell wenig kreative Ideen habe, irgendwelche “weltbewegenden” Theorien kundzutun, mal abgesehen von persönlichen, emotionalen Aussetzern, denke ich, führe ich mal eine Art Weekly Update ein, wo ich mich – ganz dem Geiste der Zeit verpflichtet – über meine persönlichen Enhancements gütlich tun kann. Das ist auch der Tatsache geschuldet, dass ich seit gestern (welch ein Streak!) mithilfe der App HabitRPG versuche, mir mal so lästige Angewohnheiten wie ständiges Facebook-Gebrabbel und dergleichen abzugewöhnen. Und mich selbst zu motivieren, ein bisschen mehr zu lesen. Nicht umsonst habe ich ja dieses Semester pro Woche knapp 100 Seiten fachwissenschaftlicher Literatur vor mir liegen, die ins Hirn wollen. Und hey – wie ginge das besser, als eben mit einer App, die einen mit Lebenspunkt-Verlust bestraft, hat man seine selbst auferlegten Obligationen einmal nicht erfüllt. Your life is a Role Playing Game – so gamify your life! oder so ähnlich. In diesem Sinne, auf gehts!

Musik

Erste Sparte, erster Erfolg: Nachdem mein erstes Pre-order-Paket von 65daysofstatics “Wild Light” irgendwo im Ärmelkanal versunken zu sein scheint, hat mir der Customer Service von bandmerch.co.uk netterweise sehr schnell Ersatz in Form der einfachen Vinyl ohne die ganzen Gimmicks nachgeschickt. Und das Paket ist dann gestern auch endlich angekommen und mein Plattenspieler ist dementsprechend heiß gelaufen.

Nicht ganz so cool, weil mehr Arbeit: Der nette PR-Mensch von Century Media Records hat mir über diese unsägliche Plattform digipromodelivery.com knapp zehn bäldigst erscheinende Alben freigeschaltet, die reviewt werden wollen – bis Dienstag. Aber immerhin: Wieder brav Metal zum drüber aufregen, denn leider hat besonders der Metal … nunja, sagen wir… eine gewisse Selbstabwertung erfahren, da sämtliche modernen Metalbands der Überzeugung sind, sie müssten voneinander abschauen. Viel anders klingen die nicht mehr. Und ich regte mich noch vor wenigen Monaten darüber auf, wie unkreativ die Musikvideos von Nuclear Blast sind – how could I?

Literatur

Ich weiß nicht, ob “Literatur” ein passender Begriff ist, aber das Dreigespann “Musik, Literatur, Kunst” ist bisher immer ganz schön gewesen. Denn die meiste “Literatur”, mit der ich mich auseinandersetze, sind wissenschaftliche Aufsätze, in denen man sich beispielsweise darüber échauffiert, dass heute Wirtschaftssoziologen entweder das Eigeninteresse von ökonomischen Akteuren überbewerten und die Kultur unterbewertet oder umgekehrt. In diesem Sinne, hier mein Literaturbericht:

Murakami: After Dark

Spontane Buchladenbesuche enden bei mir grundsätzlich mit entweder einem neuen Murakami oder einem neuen Band der C.H. Beck Wissen-Reihe. Dieses mal war es sogar beides: Murakamis “After Dark” sowie “Geschichte des Kapitalismus” von Jürgen Kocka. Murakami fällt bei mir meistens in das Schema “wtf?”, alleine dadurch, dass viele seiner Bücher eine ziemlich wahnsinnige, aber ebenso fantastische Mischung aus Fantasy und Reality-Thriller sind. After Dark wiederum war, in Murakamis Verhältnissen sprechend, das Einsteigerwerk. Nachdem mir S.K. zunächst empfahl, das Buch nicht zu lesen, da es schlecht sei, habe ich es spontan gestern Abend direkt durch geackert und muss sagen: Es ist interessant. Es ist die Momentaufnahme einer Nacht, von 23.56 Uhr bis ca. 7 Uhr am nächsten Morgen. Das Interessante an After Dark ist, dass es – im Gegensatz zu allen anderen Büchern, die ich je von ihm gelesen habe – den Leser nicht mit letzten ungeklärten Geheimnissen zurücklässt, sondern am Ende alles aufklärt. Die Bedrohlichkeit der Nacht versus die Entspannung des Tages. Letztlich möchte ich hier nicht zuviel spoilern, aber es sei gesagt: After Dark ist ein schönes, angenehm einfaches Intermezzo zu einem ansonsten durchaus fordernden Murakami, das sich erzähltechnisch vom Rest des Werkes völlig unterscheidet.

Kocka: Geschichte des Kapitalismus

Typisch für C.H. Beck Wissen: Genau wie “After Dark” ist auch ein solches Bändchen in Kürzester Zeit durch gelesen. In “Geschichte des Kapitalismus” geht Jürgen Kocka auf Klassiker der neoliberalen Wirtschaftstheorie sowie Kapitalismuskritiker (von Mises, von Hayek, Böhm-Bawerk, Weber, Marx) ein. Leider allerdings eher auf letztere; die neoliberalen Vordenker bleiben meist nur am Rande erwähnt. Aber wie es auch schon im Titel steht: Es ist eher eine Geschichte des Kapitalismus als eine Analyse. Ein nettes Einstiegswerk auf jeden Fall. Wer sich weiter mit Neoliberalismus befassen will, dem sei “Neoliberalismus zur Einführung” von Thomas Biebricher empfohlen, der sowohl auf die Geschichte als auch auf die einzelnen Theorien eingeht. Letzteres ist dann auch eindeutig besser zur Lektüre geeignet.

Carroll, Schaferdiek, Swedberg

Und zum Schluss noch drei Aufsätze. Carroll behandelt die offenbar sehr mangelhafte politische Macht katholischer Bistümer in Sachsen im 9. Jahrhundert nach Christus, was zunächst einmal nicht allzu aussagekräftig ist. Falls sich diese Erkenntnis auszahlen sollte, in diesem Semester, werde ich das sicherlich noch einfließen lassen, in irgendein Update. Schaferdiek hat es geschafft, ganze zehn Seiten über die Region Sachsen zu dieser Zeit zu schreiben und darüber zu referieren, wie sich Sachsen von seiner ersten schriftlichen Erwähnung (2. Jhd. n. Chr.) bis zur Christianisierung im 9. Jahrhundert entwickelt hat. Leute, vergesst den Brockaus, die historischen Realenzyklopädien (theologisch oder rein historisch) sind way better!

Anderes Fach, andere Erkenntnis: Swedberg schreibt nicht über irgendwelche Barbaren oder Christen, sondern über Wirtschaft. Das Hassfach aller Geisteswissenschaftler – aufbereitet als ziemlich interessante sozialwissenschaftliche Analyse. Swedberg selber geht von der Hypothese aus, dass die Kultur einer Gesellschaft (und das sind nicht nur “Werte”, wie vielfach Sozialökonomen angenommen haben) genauso wichtig wie die Eigeninteressen der wirtschaftlichen Akteure zu nehmen sei, da die Eigeninteressen die Kultur irgendwann beeinflussten und die Kultur die Eigeninteressen beeinflusst (dazu zieht er auch ein Exemplar der allseits bekannten Coleman’schen Badewanne heran). Danach präsentiert er ein paar Klassiker dieser Kulturtheorie (Weber mit seinen Ausführungen über die Weltreligionen sowie die protestantische Wirtschaftsethik, Tocqueville mit seinen Ausführungen über US-Amerikanische Wirtschaftsmoral und Geerz über – ganz aus dem Rahmen – indonesische Verhältnisse (Die haben da Wirtschaft?). Nach diesem Aufsatz wird dem geneigten Leser wohl auch klar, wieso es sein kann, dass sich heutzutage menschenverachtende Kapitalismusmaschinerie vereinen lässt mit emotional aufgeladenem politischen Geschwafel. Die einen finden die Kultur ganz famos, die anderen das Eigeninteresse.

Soviel zu dieser Woche, nächste Woche bekomme ich den Zinnober sicher auch kürzer gefasst.

Salut!