Die Sache mit der Mehrwerttheorie

Als aufgeklärter Europäer, Anhänger des alten, soziologischen Freigeistes und gesegnet mit Freundschaften, die es geschickt verstehen, mich argumentativ gegen die Wand zu fahren, ist mir heute etwas begegnet, dass man getrost als anti-sozialistisch bezeichnen kann. Bevor man mir hier aber ideologische Verblendung vorwirft, bitte ich um Beachtung der unten stehende Ausführung eines Professors, der sich allzu weit aus dem Fenster lehnte, und versuchte, Karl Marx auf eine Art und Weise zu widerlegen, die getrost als witzig bezeichnet werden kann. Es lohnt sich.

Gerhard Wilke, seines Zeichens Professor für Wirtschaftspolitik an der ökonomischen Universität der schönen Stadt Nürtingen-Geislingen, schreibt in seinem Buch “Kapitalismus” von 2006 unter Anderem über “Diagnosen des Kapitalismus”. Im Zuge dessen präsentiert er fünf Denker des Kapitalismus mit ihren Analysen, wie es zu Kapitalismus gekommen sei, wodurch er sich auszeichne und teilweise auch, wohin die Reise gehen möge. Dabei beginnt er chronologisch bei Adam Smith und geht über Karl Marx und Werner Sombart zu Max Weber und Joseph Schumpeter.

Jeder der genannten Größen widmet er ein Unterkapitel, präsentiert ihre Denke und äußert auch gängige Kritik. Lediglich bei Karl Marx scheint leider der homo oeconomicus mit dem lieben Professor durchgegangen zu sein, da er meint, mit einer “kurzen Widerlegung der Marx’schen Mehrwerttheorie” quasi on the fly eine von Marx’ Kernaussagen destruieren zu können. Doch beginnen wir getreu dem bewährten Schema These-Antithese-Synthese mit Karl Marx’ Theorie vom Mehrwert:

Karl Marx definiert den Mehrwert als das, was der Kapitalist sich an zusätzlichem Gewinn an den Produkten seiner Arbeiter einstreicht, von dem diese nichts haben. Er sagt also schlicht, der Arbeiter arbeitet x Stunden, bekommt aber nur eine Bezahlung, die kleiner ist als der tatsächliche Wert, der während dieser x Stunden geschaffen wurde. Das, was der Kapitalist also nicht an Lohn an den Arbeiter abgeben muss, streicht er sich selbst ein.

Darüber, inwieweit dies nun “Ausbeutung” ist, wie Karl Marx sagt, kann man gerne Abende lang streiten. Darüber, dass es tatsächlich zu einer Wertgenerierung aus der Arbeit kommt, nicht. Dennoch schiebt Willke einen solchen widerlegenden Exkurs ein:

Laut Willke würden auf dem Arbeitsmarkt “Äquivalente” getauscht. Der Wert der zu leistenden Arbeit entspricht also dem Warenwert, die durch seine Arbeit geschaffen wurden. Willke erklärt nun, dass der “Tauschwert [TW]” des Arbeiters gleich dem “Gebrauchswert [GW]” sei, also dem Wert, den der Arbeiter für den Kapitalisten hat. Zweitens müsse der Arbeiter nun genau so viele Stunden arbeiten, wie nötig seien, um sich selbst zu “reproduzieren”. Für Willke ist der Mensch also offenbar ein “Reservoir” an Arbeitskraft, das Abends vor dem Fernseher und am  Esstisch aufgefüllt wird, um dann am Fließband wieder abzunehmen. Unverhohlen fragt Willke daraufhin: “Wie soll er mehr leisten, wenn materiell im Arbeiter nicht mehr Arbeitskraft vorhanden ist?”

Damit ist für Willke das gesamte Marx’sche Konstrukt vom Mehrwert ein “okkultes”, das etwas mystisches habe. Und hier läuft Willke ironischerweise in die gleiche Richtung, wie Marx. Marx sagt völlig richtig, dass der Kapitalismus ein Nullsummenspiel sei, d.h. dass die gesamte Wirtschaft weltweit auf plus/minus Null Euro herauskommt. Das macht insofern Sinn, als dass man unseren Planeten – abgesehen von Sonnenenergie – als geschlossenes System betrachten muss, das lediglich begrenzte Ressourcen enthalte. Auf unendliche Zeit betrachtet kann man also nicht mehr herstellen, als die Erde hergibt. Wenn Willke also nun sagt, dass die geleistete Arbeit genau dem Wert entspricht, den der Arbeiter braucht, um sich zu “reproduzieren” (was im Übrigen so oder so schon eine deutlich herabwürdigende Sprache ist), ist das allenfalls ein Soll-Zustand, niemals jedoch der Ist-Zustand. Hier einige Gegenbeispiele:

Ein Laptop kann sowohl in China, als auch in Deutschland hergestellt werden. Angenommen, alle Menschen sind zu 99,95% genetisch miteinander verwandt (vage These, ich gebe es zu), dann müsste ja theoretisch der Marktwert eines Laptops in China genau gleich dem Laptop in Deutschland sein. Dann bräuchte man aber auch nicht in China zu produzieren. Tun aber dennoch alle Unternehmen, weswegen das schon einmal nicht stimmen kann.

Nun wird Willke einwerfen, dass in China aber auch die Kosten für die Reproduktion geringer sind, als in Deutschland. Einverstanden, in China ist das Leben allgemein nicht so gehoben und teuer, wie in Deutschland. Aber dann fragt sich, wieso in Deutschland das Reproduzieren teurer ist, als in China, obwohl doch in beiden Ländern ähnlich reproduziert wird: Mit Nahrungsmittel, mit Fernsehen, mit sozialer Interaktion. Hier wird deutlich, dass den Waren in beiden Ländern völlig unterschiedliche Werte bemessen werden. Weitere Beispiele sind Subventionen, Hartz IV und unterschiedliche Besteuerung unterschiedlicher Kapitalklassen.

Dass weltweit Werte in Billiardenhöhe geschaffen, aber auch wieder vernichtet werden, zeigt ganz eindrucksvoll die aktuelle Finanzkrise, die ich hier nicht mehr in voller Länge ausführen möchte. Nur soviel sei gesagt: Marx hat Recht, wenn eine gewisse Ausbeutung von Arbeitern stattfindet. Es gibt einen gewissen Mehrwert. Der entsteht aber natürlich nicht aus der Luft, sondern wird bewusst erwirtschaftet. Willke sollte mal einen der berüchtigten “Aufstocker” fragen, ob er denn denke, dass der Arbeitgeber mehr bekomme, als er als Arbeitnehmer.

In diesem Sinne, guten Tag.