Sunset in Fall

Julia Engelmann und die Generation Unselbstständigkeit

Internetphänomene sind in erster Linie einmal genau das: Phänomene. Phänomene, die sich Tausende von uns tagtäglich auf 9gag und dem allabendlichen Abschiedspost von SPIEGEL ONLINE auf Facebook geben. Soweit, sogut – prinzipiell sind die meisten Internetphänomene, die nichts mit Petitionen auf den offiziellen EU- und Bundesregierungsportalen oder Crowdfunding-Projekten zu tun haben ja eh nur geistige Prokrastination; quasi das Herunterkommen vom alltäglichen Uni-, Schul- oder Arbeitsstress. Und dass ich genau jetzt und nicht zu einem anderen Zeitpunkt diesen Punkt anspreche, ist genauso willkürlich. Dennoch finde ich es hier einmal interessant, nachzuhaken. Denn Julia Engelmann ist nicht nur das nächste, langweilige Internet“phänomen“, sondern auch eine Bankrotterklärung an unsere Gesellschaft.

Bankrotterklärung? Gut, das ist ein wenig hoch gegriffen, ziemlich populistische Sprache, aber in keiner Weise ist das, was Julia Engelmann dort auf dem 5. Bielefelder Hörsaalslam zum Besten gegeben hat, positiv. Wenn über 2,5 Millionen Klicks für ein Video verbraucht werden, das uns lediglich sagt: „Carpe Diem“ – was sagt das über unsere Gesellschaft aus? Was sagt es über die „Generation Praktikum“ aus, dass sie sich an einem Text aufgeilen, der eine wahre Redundanz an Sinnhaftigkeit zum Ausdruck bringt? Es sagt zunächst einmal aus, wie paradox die Menschen dieser Generation doch sind. Dass sie sich ein fünfminütiges Video anschauen, um sich danach auf Facebook im vollen Endorphinschub darüber zu freuen, dass es doch noch Wahrheit im Leben gebe.

Bin ich vielleicht komisch, wenn ich nur so dachte: „So what“? Auch ich habe mich diese fünf Minuten herabgelassen, mir das Video einmal anzusehen, nachdem ich einen kritischen Kommentar von Laura Nunziante las, der sich aber weniger auf die gesellschaftlichen Hintergründe, als mehr auf die lyrischen Folgen konzentrierte. Und ich stellte fest, wie faszinierend redundant das Video doch ist. Dass junge Menschen heutzutage fünf Minuten plus das Teilen auf Facebook an Zeit aufwenden, um sich darüber zu beschweren, dass sie in ihrer Jugend zu wenig lebten. Habt ihr sie noch alle?

Die 5 Minuten, die ihr gebraucht habt, um dieses Video zu sehen, plus die 2 Minuten für den „Share“-Button und einen kleinen Text, in dem ihr die Wahrheit dieser Worte lobt, hättet ihr auch einfach einen Plan fürs Wochenende ausarbeiten können. Raus zu gehen. Vielleicht spontan ins Grüne zu fahren, oder aber irgendein Kunstprojekt. Vielleicht auch einfach nur eine besonders krasse Party, ein Konzert, irgendetwas mit Freunden, ein neues Hobby suchen. Ein Buch lesen, etc. Dafür brauchte ich die letzten 23 Jahre kein Video und werde es auch niemals brauchen.

Es ist ziemlich leicht, sieben Minuten zu „carpen“, um dann einen ganzen Tag oder – im Idealfall sogar regelmäßig – mal nach dem Motto „Carpe Diem“ zu leben. Es ist vielleicht doch nicht zu hoch gegriffen, von einer Bankrotterklärung zu sprechen, wenn ein solches Video derart gefeiert wird.

Nein, es ist eine Bankrotterklärung an meine Generation. Klar, es ist viel Arbeit, Projekte durchzuziehen, Storys vorzubereiten, die man später den Kindern erzählen kann. Aber sorry, das Leben ist hart und schmutzig.

Und nur als Beispiel: Man kann, wie ich, 16 Stunden am Tag Prokrastinieren und trotzdem viel erreichen. Zum Beispiel ein eigenes, einstündiges Musikalbum aufnehmen. Songs schreiben und etliche Fotosessions an den verrücktesten Orten machen. Auch in Praktika Spaß zu haben und das Leben zu genießen. Drei Bands gleichzeitig zu haben. Also Kinners: Arsch hoch und raus in die Welt. Und hyped nicht wieder so einen Nonsens. Das schaffe ja selbst ich faule Socke.