Gedanken zum Messengerwahnsinn

Als bekannt wurde, dass facebook den Nachrichtendienst* WhatsApp für ca. 12 – 19 Mrd. US-Dollar aufgekauft hat, dachte ich, das wäre der Wahnsinn. 19 Milliarden für ein kleines, billiges Unternehmen, dessen einzige Stärke die enorme Anzahl an Usern war, die es nutzen. Doch ich habe mich schwer getäuscht. Nein, nicht schwer. Eher katastrophal.

Denn katastrophal sind die Auswirkungen, die das derzeit hat. Wie wir alle wissen, kommen wir ohne Messenger mittlerweile wohl nicht mehr aus. Das ist die einzige Möglichkeit, insbesondere im mobilvertraglich sehr teuren Deutschland, günstig mit Menschen zu kommunizieren. Also sind wir auf Messenger angewiesen. Soweit d’accord.

Dann beginnt der Spaß allerdings: Nach der Bekanntgabe fürchteten sich diese 450 mio User plötzlich um ihre Daten und sagten, sie würden WhatsApp verlassen. Soweit bin ich ebenfalls d’accord. Ich bin ein Freund von Unternehmen, die mir sagen: “Zahle uns x Euro, damit wir unseren Lebensunterhalt bestreiten können. Dafür stellen wir dir eine App zur Verfügung, die es dir ermöglicht, völlig verschlüsselt mit anderen Menschen zu schreiben. Da wir das Geld ja von dir bereits bekommen haben, brauchen wir auch deine Daten nicht zum Leben, also kannst du die behalten. Auf unseren Servern wird davon nichts gespeichert.” Threema tut das zum Beispiel. Ob nicht auch die auf Daten aus sind – wer weiß? Möglich ist alles, doch ab einem gewissen Grad des Misstrauens artet so etwas leider meist in Verschwörungstheorien aus.

Das Problem ist: Viele Menschen denken arg bis extrem kurzfristig bis absolut irrational. So denken sich zwar alle: “Wir müssen weg von WhatsApp”. Dann steigen sie beispielsweise auf Telegram um, eine Firma, die kostenlos ihre App zur Verfügung stellt, aber keine andere offensichtliche Einnahmequelle haben. Na? Ein Schelm, wer dabei böses denkt.

Viel, viel weniger Menschen – sagen wir einmal großzügig – 40% der Umsteiger denken sich dann: “Hey, gehen wir eben zu Threema. Die verlangen Geld, damit sie ihre Kosten decken können, haben aber eine starke Verschlüsselung. Denen kann man vertrauen.” Das ist völlig in Ordnung.

Und jetzt kommt ein ganz spezielles Problem für mich: Weil ich viele verschiedene Menschen meine Freunde nennen kann, ergibt sich gerade ein ziemlich fieses Problem. Ein Großteil meines Freundeskreises bspw. bleibt bei WhatsApp. Deswegen kann ich das Ding nicht deinstallieren. Ein anderer Teil meines Freundeskreises ist auf Telegram umgestiegen. Deswegen brauche ich auch das. Und erst vorhin hat mich noch ein weiterer Freund von mir gebeten, mir doch bitte myENIGMA zu installieren. Quasi das gleiche wie Telegram, nur dass deren Beschreibung im Play-Store auf Deutsch ist.

Ergebnis: Theoretisch bräuchte ich vier Messenger, um mit all meinen (ehemaligen) WhatsApp-Kontakten zu schreiben. Vier Messenger. VIER. WhatsApp ist klar auf Daten aus, Threema nur vielleicht, Telegram und myENIGMA wegen kostenlos und so aber definitiv auch. Und mir wollen alle meine Freunde klar machen, dass “ihr” Messenger der beste ist. Und sie ja nicht noch einen installieren können. Und dass sie schon zu viele Freunde auf “ihren” Messenger scharf gemacht hätten, weswegen das jetzt unmöglich noch zu ändern wäre.

Ich mag meine Freunde. Auch trotz dieser Meinungsverschiedenheit. Aber in dieser einen Beziehung kann ich nur noch eine Sache (laut) ausrufen: Habt ihr eigentlich alle den Verstand verloren?

Natürlich will jeder unsere Daten, weil Daten so schön toll sind – sie sind quasi das LEGO für Firmenmanager und Werbetreibende. Aber gewisse Dinge scheinen viele Leute in ihrer blinden Paranoia vor dem Datenkraken Facebook auszublenden.

  1. Eure Daten sind niemals sicher. Wenn euch Messengerapps sagen: “Unsere Verschlüsselung ist bisher nicht geknackt worden”, dann ist das bullshit. AES gilt heute noch als wichtige Verschlüsselung, bspw. von WLAN-Netzen. Nur leider wurde der 256Bit-Code vor ein paar Jahren schon von Mathematikern entschärft. Ergo: Jeder mit einem bisschen mathematischen und informatorischen Grundverständnis kann jedes eurer WLAN-Netze binnen Minuten, maximal – wenn ihr Glück habt – ein paar Stunden, knacken. Dank Botnets und Cloudcomputing braucht man auch keinen Supercomputer mehr im Wohnzimmer dafür. Fazit: Wer eure Daten will, bekommt sie. Schnell. Und zuverlässig.
  2. Eure Daten interessieren niemanden. Wie? Ja. Eure Daten interessieren jedes Unternehmen einen Scheißdreck. Ihnen ist es egal, wo ihr wohnt oder wie alt ihr seid. Außerdem ist es unökonomisch, jeden Datensatz einzeln zu speichern. Ein Rechenbeispiel: Für euer Geburtsdatum, vollständigen Namen und eure Adresse werden überschlagen 1,2 kb gebraucht. Bei 450 mio Usern (wie bei WhatsApp) sind das schon mal über ein halbes Terabyte (554,4 GB). Und das sind nur sehr wenige Angaben. Heutige Firmen sammeln viel mehr Daten. Nein, eure politische Ausrichtung ist denen echt egal. Was ihnen nicht egal ist, ist eure Gruppe. Unternehmen interessiert nur euer ungefähres Alter, euer ungefährer Wohnort und eure ungefähren Einstellungen. In den derzeit üblichen Algorithmen werden eure Daten nur einmalig erhoben, um euch in eine Gruppe (z.B. der 18-24-jährigen, progressiv eingestellten Studierenden aus dem Raum Köln/Bonn) einzuteilen. Danach werden die, weil wertlos, gelöscht. Man weiß also gar nichts genaues über euch, sondern nur grobe Angaben, die für Werbung benutzt werden. Und Unternehmen werden eure Daten nicht für politische Zwecke brauchen. Sondern nur für wirtschaftliche. Denen ist es egal, ob ihr CDU oder Linke wählt, solange ihr nur die Produkte von ihnen konsumiert. Das führt uns zu Punkt:
  3. Der wirkliche Gegner sind nicht Unternehmen, die eure Daten haben wollen, um damit Geld zu machen, sondern frei agierende Regierungsunternehmen. Leute, die euer psychologisches Profil nicht brauchen, um euch zum Konsum zu zwingen, sondern die euer psychologisches Profil brauchen, um eventuelle Staatsfeinde auszumachen. Auch wenn wir in Demokratien leben, sind alle Gedanken an andere Systeme (nur als Beispiel: Rein-neoliberal oder sozialistisch) destabilisierend, und weil menschliche Gesellschaften immer auf einen Status möglichst großer Autarkie und Sicherheiten aus sind, werden solche Gedanken als gefährlich gesehen. Und wisst ihr, was das tollste ist? Denen ist es völlig wurst, ob ihr Threema, Telegram oder WhatsApp nutzt. Wie die Enthüllungen der NSA zeigen, besitzen diese große Splitter in allen Internet-Knotenpunkten auf der Welt und können alle Daten völlig legal, völlig einfach, direkt auf ihre Server umleiten. Und Verschlüsselung? Wenn schon ein x-beliebiger Hacker mittels Cloudcomputing und Botnets relativ easy in euer WLAN kommt, stellt euch ein von der Regierung gesponserter Verein vor, der im Jahr ein paar Milliarden übrig hat. Wofür er das ausgibt? Vielleicht ja für noch einen weiteren Supercomputer. Falls mal wieder eine neue Verschlüsselung ausprobiert wird.

Mein Fazit von der ganzen Geschichte? Vielleicht bin ich nett und installiere mir alle Messenger, die meine Freunde so nutzen wollen. Bin nett zu ihnen. Vielleicht geige ich ihnen auch die Meinung und kommuniziere ab dann nur noch per Mail. Oh stimmt, einer meiner Freunde meinte ja: “Ich werde meine politische Einstellung nicht auf WhatsApp/Facebook kundtun. Dann kommunizieren wir demnächst nur noch per Mail.” Ob er auch Mail-Verschlüsselung hat? Ein Schelm, wer dabei… lassen wir das. Mein Fazit: Die WhatsApp-Übernahme hat für genau eine Sache gesorgt: Die Menschen wie Lemminge über alle Klippen von Inklusion, Würde, Rationalität und so ziemlich jeder Errungenschaft der Aufklärung springen lassen. Die wahre Gefahr geht derzeit nicht von mangelndem Datenschutz aus. Nein, sondern von der Gesellschaft selber, die sich auch an so nichtigen Problemen wie einer Messengerfrage teilt und somit alle Bestrebungen zu einer freien Gemeinschaft von Menschen zerstört und Feindschaft sät, wo es nur geht.

Und das ist Wahnsinn.

* no pun intended.