Je suis Charlie, quoique je ne suis pas Charlie

Ich kann mich noch sehr genau an den 11. September 2001 erinnern. Zur damaligen Zeit war ich noch in der fünften Klasse eines Internates und wurde spät Abends noch mit den anderen in den Aufenthaltsraum gerufen. Die Betreuer sagten Dinge wie “Es ist etwas schlimmes passiert”. Es wurden Videoaufnahmen vom Anschlag auf das WTC gezeigt. Obwohl ich mit meinen jungen Jahren nicht verstand, warum die ganze Aufregung, wusste ich doch, dass es wohl meine Pflicht sei, mich betroffen zu fühlen.

Ein Symbol für “den Westen”

Diese symbolische Wirkung; etwas, das in das kulturelle Gedächtnis einer ganzen Gesellschaft eingeht; hatte auch der Anschlag auf das französische Satiremagazin Charlie Hebdo am 7. Januar 2014. Der “One Seven” des Abendlandes, sozusagen. Spätestens mit diesem Anschlag muss spätestens klar werden, dass auch nicht die Anzahl der Todesopfer das wirklich Entscheidende ist, sondern dessen symbolische Wirkung. Das WTC stand für alles Amerikanische, viel Kapitalistisches und für die westliche Gesellschaft schlechthin. Die Zerstörung dessen bedeutete übertragen auch einen Riss im westlichen Selbstverständnis.

Ebenso mit Charlie Hebdo. Ob hier nun 12 Menschen oder 200 Menschen umgekommen sind – das steht zurück hinter der symbolischen Wirkung dessen: “Die Pressefreiheit ist in Gefahr!” “Dieser Angriff galt der gesamten westlichen Gesellschaft, der Demokratie!” “Ein Angriff auf die Presse ist ein Stich ins Herz der Demokratie!”

Ich bin Charlie, obwohl ich nicht Charlie bin

Doch sind wir deswegen auch Charlie? Sowohl ja als auch nein. Wir sind Charlie Hebdo, als dass uns dieser Anschlag trifft, wann immer wir etwas sagen oder tun, was gegen die gesellschaftlichen Konventionen, die herrschende Norm, verstößt. Es hat etwas mutiges, “Nein!” zu sagen, wenn alle umgebenden Personen “Ja!” rufen. Das spürt man spätestens an den misstrauischen Blicken.

Doch genauso wie wir alle in einigen Momenten Charlie sind, so sind wir es im täglichen Leben niemals. Cas Mudde hat in einem Beitrag auf openDemocracy (ich zitiere aus der dt. Übersetzung) genau das ausgesprochen: Wir sind nicht Charlie Hebdo, wenn wir aus Rücksicht auf jemand anderen unsere Meinung nicht aussprechen; wir verstoßen gegen die Meinungsfreiheit, üben Selbstzensur. Wir sind nicht Charlie Hebdo, wenn wir unsere Meinungen abmildern. “Es ist ja nicht so schlimm!” Doch, ist es.

Selbstzensur ist eine Notwendigkeit gesellschaftlichen Zusammenlebens

“Aber selbst unter professionellen Kritikern wie Comedians oder Intellektuellen wird Selbstzensur mehr und mehr zur Norm”, schreibt Cas Mudde in dem Beitrag. Hier muss ich ihm widersprechen. Selbstzensur wird nicht zur Norm, es ist ein grundlegender Teil des Zusammenlebens. Es ist ein Dilemma: Auf der einen Seite erfordern Presse- und Meinungsfreiheit und die Demokratie, dass wir aussprechen, was wir denken. Aber auf der anderen Seite: Würden wir unseren besten Freunden sagen, dass wir ihre*n Partner*in nicht ausstehen können und deshalb keine Lust mehr haben, uns mit ihm zu treffen? Wohl nur, wenn es keinerlei andere Möglichkeiten gibt.

Unsere Meinung sagen wir vielfach Menschen, die nicht in unserem sozialen Netzwerk sind, geringere Machtpositionen haben oder die wir danach wahrscheinlich nie wieder sehen werden. Nur in Notsituationen aber, wenn der Zusammenhalt des eigenen Netzwerkes gefährdet ist, würden wir diese Meinung unverblümt auch guten und besten Freunden sagen. Denn ansonsten wären wir die nächsten, die aus dem Netzwerk ausgeschlossen werden würden.

Aus soziologischer Perspektive gilt also: Ohne Selbstzensur gäbe es weder Gruppenzusammenhalt noch ein gesellschaftliches Zusammenleben. Es kommt, wie bei allem, immer auf die richtige Menge an.

Je suis Charlie, quoique je ne suis pas Charlie!